Nov 2026
-
23 Minuten
Autor:
Luca Andrea Donati

Die Kunst des Beobachtens: Was die Wildlife-Fotografien des Jahres 2026 zeigen

Ein Elefant trägt ein verstorbenes Kalb durch ein trockenes Flussbett. Ein Mistkäfer kämpft sich über staubigen Boden. Zwei Fotografien, die unterschiedlicher kaum sein könnten, wurden beim Wildlife Photographer of the Year 2026 mit den höchsten Auszeichnungen geehrt. Sie zeigen, dass aussergewöhnliche Naturfotografie nicht allein von seltenen Tieren oder technischer Perfektion lebt, sondern von der Fähigkeit, Verhalten zu beobachten, fotografische Entscheidungen bewusst zu treffen und die Grenzen des eigenen Bildes zu verstehen.

Warum ein gutes Wildlife-Bild mehr zeigt als ein Tier

Aus 65'403 Einsendungen aus 121 Ländern und Gebieten wählte die Jury des Wildlife Photographer of the Year 2026 die ausgezeichneten Fotografien aus. Der vom Natural History Museum in London organisierte Wettbewerb gehört zu den bedeutendsten internationalen Auszeichnungen für Naturfotografie. Die Ergebnisse wurden am 13. Oktober 2026 bekannt gegeben. Eine Ausstellung mit 100 ausgewählten Bildern ist vom 16. Oktober 2026 bis zum 11. Juli 2027 im Natural History Museum zu sehen.

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Der Wettbewerb zeichnet nicht ausschliesslich spektakuläre Begegnungen aus. Die Fotografien werden auch nach Originalität, technischer Qualität, Kreativität und ethischer Praxis beurteilt. Interessant ist deshalb nicht nur, welche Tiere auf den Bildern erscheinen, sondern wie die Fotografen ihre Motive verstehen und welche Informationen sie durch die gewählte Darstellung sichtbar machen.

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The Aftermath: Eine Beobachtung, die mit Spuren im Sand begann

Der italienische Fotograf Federico Veronesi gewann 2026 den Gesamttitel mit seiner Schwarzweissfotografie The Aftermath. Die Aufnahme entstand im Huab River Valley in der Region Damaraland in Namibia. Sie zeigt einen erwachsenen weiblichen Elefanten, der ein verstorbenes Kalb mit Rüssel und Stosszahn trägt.

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Schon die Entstehungsgeschichte ist bemerkenswert. Veronesi war auf der Suche nach Elefanten, als ihm ungewöhnliche Schleifspuren im Sand eines ausgetrockneten Flussbetts auffielen. Er folgte den Spuren und erreichte schliesslich eine Elefantengruppe. Erst dort wurde sichtbar, was die Spuren verursacht hatte: Ein weiblicher Elefant bewegte sich mit dem toten Kalb durch die Landschaft. Ein Bein des Kalbs befand sich zwischen Rüssel und Stosszahn.

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Die Aufnahme entstand damit nicht aus einer vorab geplanten Bildkomposition. Am Anfang stand eine Beobachtung. Der Fotograf bemerkte eine Veränderung seiner Umgebung, untersuchte deren Ursache und erkannte eine Situation, die sich nicht beliebig wiederholen liess.

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Das ist eine wesentliche Eigenschaft dokumentarischer Wildlife-Fotografie. Wer Tiere fotografiert, kann ihre Bewegungen innerhalb bestimmter Grenzen vorhersehen. Verhalten, Umgebung und Aufnahmezeitpunkt bleiben jedoch nur eingeschränkt kontrollierbar. Eine gute Vorbereitung erhöht die Wahrscheinlichkeit, einen relevanten Moment zu erkennen. Sie garantiert nicht, dass er tatsächlich eintritt. Quelle: The Aftermath: Federico Veronesi, Natural History Museum

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Was das Bild zeigt und was wir darin zu erkennen glauben

The Aftermath gehört zu jenen Fotografien, die unmittelbar eine emotionale Reaktion auslösen können. Die körperliche Nähe zwischen dem erwachsenen Elefanten und dem verstorbenen Jungtier legt eine Interpretation nahe, die uns aus menschlichen Beziehungen vertraut ist. Wir denken an Verlust, Fürsorge und Trauer. Doch die Fotografie allein kann nicht erklären, was das Tier tatsächlich empfindet.

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Das Natural History Museum verweist auf wissenschaftliche Beobachtungen von Elefanten, die tote Artgenossen untersuchen, bewachen, berühren oder deren Überreste transportieren. Solche Verhaltensweisen sind sowohl bei afrikanischen als auch bei asiatischen Elefanten dokumentiert. Ihre genaue Bedeutung wird wissenschaftlich unterschiedlich interpretiert. Einige Forschende sehen darin Hinweise auf ein Verständnis von Tod. Andere diskutieren mögliche Formen von Trauerverhalten.

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Die Fotografie zeigt zunächst eine beobachtbare Handlung: Ein Elefant trägt ein totes Kalb. Ob das Tier Trauer empfindet und in welcher Beziehung es zu dem Kalb stand, lässt sich aus dem sichtbaren Moment nicht abschliessend ableiten.

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Die emotionale Wirkung eines Bildes kann unmittelbar sein. Seine wissenschaftliche Bedeutung benötigt dennoch eine sorgfältige Einordnung.

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Gerade darin liegt eine wichtige fotografische Verantwortung. Ein aussergewöhnlicher Moment muss nicht durch eine eindeutige psychologische Erklärung verstärkt werden. Die Aufnahme besitzt bereits eine starke Aussage, weil sie ein selten dokumentiertes Verhalten sichtbar macht.

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Warum die fotografische Distanz Teil der Bildgestaltung ist

Die technischen Angaben zu The Aftermath geben einen zusätzlichen Einblick in die Entstehung. Veronesi verwendete eine Nikon Z8 mit einem 400-mm-f/2.8-Objektiv. Die veröffentlichte Aufnahme entstand bei 1/1000 Sekunde, Blende f/2.8 und ISO 72.

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Eine lange Brennweite ermöglicht es, ein weit entferntes Motiv gross abzubilden und dabei einen vergleichsweise engen Bildwinkel zu erhalten. Für die Wildlife-Fotografie ist das besonders relevant. Die Distanz zum Tier lässt sich nicht beliebig verkleinern. Das Verhalten des Motivs und mögliche Risiken für Mensch und Tier setzen Grenzen. Ein Teleobjektiv kann helfen, aus grösserem Abstand eine bildfüllende Aufnahme zu gestalten. Die Brennweite allein verrät allerdings nicht, wie weit der Fotograf tatsächlich entfernt war.

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Bei einer langen Brennweite und weit geöffneter Blende kann zudem der sichtbare Hintergrund stark zurücktreten. Der Blick konzentriert sich stärker auf das Tier und seine unmittelbare Handlung. Dadurch verändert sich die Aussage des Bildes. Eine weit gefasste Aufnahme könnte mehr über die Landschaft und die Umgebung der Elefantengruppe vermitteln. Die engere Darstellung legt das Gewicht dagegen auf die körperliche Beziehung zwischen den beiden Tieren.

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Keine dieser Perspektiven ist grundsätzlich richtiger. Sie beantworten unterschiedliche Fragen. Die fotografische Distanz ist deshalb nicht ausschliesslich eine technische Grösse. Sie beeinflusst, wie viel Kontext wir zeigen und welchen Aspekt einer Situation wir hervorheben.

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Schwarzweiss als bewusste Reduktion

Zum ersten Mal in der 62-jährigen Geschichte des Wettbewerbs wurden 2026 sowohl der Gesamtsieger als auch der Nachwuchs-Gesamtsieger für Schwarzweissfotografien ausgezeichnet. Das ist bemerkenswert, weil Wildlife-Fotografie häufig mit intensiven Farben verbunden wird. Grüne Landschaften, farbige Gefieder, warmes Abendlicht und die unterschiedlichen Farbtöne natürlicher Lebensräume gehören zu ihren vertrauten visuellen Eigenschaften.

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Schwarzweiss verändert diese Wahrnehmung. Farbunterschiede treten zurück, während Helligkeitsverhältnisse, Oberflächen und Konturen mehr Gewicht erhalten. Bei The Aftermath konzentriert sich der Blick dadurch besonders auf die Formen der Tiere und ihre räumliche Beziehung. Die reduzierte Farbgestaltung kann den Eindruck von Ruhe und Ernsthaftigkeit verstärken.

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Das bedeutet jedoch nicht, dass Schwarzweiss grundsätzlich authentischer ist. Auch eine monochrome Fotografie ist eine gestalterische Interpretation. Sie lässt eine Information bewusst weg, die in der tatsächlichen Situation vorhanden war. Entscheidend ist deshalb nicht, ob eine Fotografie farbig oder schwarzweiss ist, sondern ob die formale Entscheidung die Bildaussage unterstützt.

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Reduktion ist kein Qualitätsmerkmal an sich. Sie wird dann sinnvoll, wenn sie hilft, die Aufmerksamkeit auf etwas Wesentliches zu lenken.

Die fotografischen Entscheidungen hinter einem aussergewöhnlichen Bild

Nicht jede ausgezeichnete Wildlife-Fotografie entsteht aus einer seltenen Begegnung mit einem grossen Tier. Manchmal liegt die fotografische Herausforderung nur wenige Zentimeter über dem Boden. Manchmal erfordert sie eine ferngesteuerte Kamera an einem Ort, den ein Mensch während der Aufnahme gar nicht einnehmen könnte. Und manchmal entscheidet eine einzige Einstellung darüber, ob eine Bewegung sichtbar bleibt oder im Bild verschwindet.

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Die ausgezeichneten Fotografien des Jahres 2026 zeigen, wie unterschiedlich die technischen und gestalterischen Lösungen sein können.

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Labour of Love: Ein Mistkäfer auf Augenhöhe

Der Nachwuchs-Gesamttitel ging 2026 an Oscar Whitfield aus Simbabwe und Grossbritannien. Seine Fotografie Labour of Love entstand im Zambezi National Park in Simbabwe. Sie zeigt einen Mistkäfer, der eine Dungkugel über den Boden bewegt.

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Das Motiv ist auf den ersten Blick unspektakulär. Mistkäfer gehören zu den Tieren, die im Alltag leicht übersehen werden. Ihre Tätigkeit spielt jedoch eine wichtige Rolle innerhalb zahlreicher Ökosysteme. Durch das Zerteilen und Vergraben von Dung unterstützen sie dessen Abbau, beeinflussen die Bodenbeschaffenheit und können dazu beitragen, die Vermehrung bestimmter Schädlinge zu begrenzen.

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Whitfields Bild macht diese kleine Tätigkeit sichtbar. Entscheidend ist die Perspektive. Der Fotograf legte sich flach auf den Boden und positionierte die Kamera ungefähr auf Augenhöhe des Käfers. Dadurch erscheint das Tier nicht als kleines Objekt, das von oben betrachtet wird. Seine Bewegung erhält eine räumliche Präsenz, während die Dungkugel, der Körper des Käfers und der staubige Boden innerhalb derselben Bildwelt stehen.

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Es entsteht der Eindruck einer körperlichen Anstrengung, obwohl das Tier nur wenige Zentimeter gross ist. Die niedrige Kameraposition verändert nicht die tatsächliche Grösse des Motivs. Sie verändert jedoch unsere Beziehung zu ihm. Der Betrachter blickt nicht mehr aus der gewohnten menschlichen Höhe auf den Boden, sondern begegnet der Situation aus einer Perspektive, die dem Tier wesentlich näherkommt. Quelle: Labour of Love: Oscar Whitfield, Natural History Museum

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Warum eine kurze Belichtungszeit nicht immer einfach ist

Auch die technischen Angaben zu Labour of Love sind aufschlussreich. Whitfield verwendete eine Canon EOS R6 Mark II mit einem Sigma 150–600-mm-Objektiv. Das Bild entstand bei 1/1250 Sekunde, Blende f/6.3 und ISO 3200.

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Diese Kombination zeigt, wie mehrere fotografische Anforderungen gleichzeitig berücksichtigt werden mussten. Ein kleines Tier kann sich innerhalb des Bildausschnitts sehr schnell bewegen. Bereits geringe Veränderungen seiner Position können bei hoher Abbildungsgrösse sichtbar werden. Eine kurze Belichtungszeit reduziert das Risiko, dass diese Bewegung zu einer unerwünschten Unschärfe führt. Gleichzeitig gelangt während einer kurzen Belichtung weniger Licht auf den Sensor.

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Die hohe ISO-Einstellung ermöglicht unter den gewählten Bedingungen eine ausreichende Belichtung, kann aber mit zusätzlichem Bildrauschen verbunden sein. Die Blende beeinflusst ebenfalls, wie viel Licht auf den Sensor trifft und wie ausgedehnt der scharf dargestellte Bereich erscheint. Bei kleinen Motiven und grossen Abbildungsmassstäben kann die Schärfentiefe besonders gering ausfallen.

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Der Fotograf muss deshalb mehrere Faktoren gegeneinander abwägen. Eine längere Belichtungszeit würde mehr Licht ermöglichen, könnte aber die Bewegung des Tieres verwischen. Eine andere Blendenwahl könnte die Schärfentiefe verändern, hätte jedoch wiederum Auswirkungen auf die Belichtung. Die Wahl der Einstellungen ergibt sich aus dem Motiv.

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Interessant ist, dass Whitfield die schwierigen Bedingungen nicht vollständig aus dem Bild entfernte. Staub und Bewegung bleiben Teil der Situation und vermitteln den Eindruck eines trockenen, heissen Lebensraums. Das Foto lebt deshalb nicht von einer vollkommen kontrollierten Darstellung, sondern gewinnt gerade durch das Zusammenspiel aus technischer Präzision und sichtbarer Umgebung.

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Icy Window: Eine Perspektive, die Vorbereitung verlangt

Eine weitere bemerkenswerte Aufnahme des Wettbewerbs ist Icy Window von Audun Rikardsen. Sie wurde 2026 in der Kategorie Animal Portraits mit einer besonderen Anerkennung ausgezeichnet. Das Bild zeigt einen Eisbären, der durch ein Atemloch im arktischen Meereis blickt. Die Kamera befindet sich unterhalb der Eisoberfläche. Der Betrachter sieht den Bären damit aus einer Perspektive, die an den Blick einer Robbe unter Wasser erinnert.

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Die Entstehung erforderte eine ungewöhnliche Vorbereitung. Rikardsen hatte Eisbärenspuren in der Nähe eines Atemlochs entdeckt. Neben diesem Loch bohrte er eine weitere Öffnung für eine Unterwasserkamera. Die Kamera wurde mit einem Bewegungssensor verbunden, der die Aufnahme auslösen konnte. Nach acht Stunden näherte sich ein Eisbär und blickte durch die Öffnung.

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Verwendet wurde eine Canon EOS 6D mit einem 14-mm-Weitwinkelobjektiv in einem angepassten Unterwassergehäuse. Hier entsteht eine fotografische Perspektive, die sich mit einer klassischen Aufnahme aus der Hand kaum realisieren liesse. Der Fotograf entscheidet vorab, wo die Kamera positioniert wird. Anschliessend muss die Technik auf ein Ereignis reagieren, dessen Zeitpunkt und genaue Ausführung nicht feststehen.

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Der Eisbär folgt seinem natürlichen Verhalten. Die Kamera ist darauf vorbereitet. Diese Arbeitsweise zeigt, wie weit Beobachtung und fotografische Planung ineinandergreifen können. Gleichzeitig wirft sie Fragen nach der Wirkung technischer Einrichtungen auf Tiere und ihre Umgebung auf.

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Dass eine Kamera ferngesteuert ist, garantiert nicht automatisch, dass eine Aufnahme störungsfrei entsteht. Auch die Positionierung und der Einsatz eines solchen Systems müssen verantwortungsvoll erfolgen. Quelle: Icy Window: Audun Rikardsen, Natural History Museum

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Wenn der richtige Standort wichtiger wird als die Brennweite

Während einer Wildlife-Produktion im Okavangodelta in Botswana beobachteten wir ein Löwenrudel, das im Wasser spielte. Eine aussergewöhnliche Situation, die sich nicht planen oder wiederholen lässt. Das Problem lag in unserer Position: Die Tiere befanden sich auf der gegenüberliegenden Flussseite, ausserhalb einer für die vorhandene Ausrüstung idealen Aufnahmedistanz. Mit maximal 400 mm Brennweite waren zwar Fotografien möglich, für die gewünschte Bildwirkung wären jedoch ein 600-mm-Objektiv oder ein Telekonverter hilfreicher gewesen.

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Wir standen vor einer Entscheidung. Auf unserer Seite bleiben und den Moment aus grösserer Entfernung dokumentieren oder eine etwa 15-minütige Fahrt über die Brücke ans andere Ufer wagen. Es gab keine Garantie, dass die Löwen bei unserer Ankunft noch spielen würden. Deshalb fotografierten wir zunächst rund zehn Minuten von unserem ursprünglichen Standort aus. Erst nachdem einige gelungene Aufnahmen entstanden waren, entschieden wir uns für den Standortwechsel.

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Als wir die andere Flussseite erreichten, spielten die Löwen tatsächlich noch immer im Wasser. Mit der zweiten Kamera und einem 70–200-mm-Objektiv konnten wir nun deutlich näher an der gewünschten Bildkomposition arbeiten. Aus einer Situation, in der zunächst die Reichweite des Teleobjektivs entscheidend schien, wurde eine fotografische Entscheidung über Perspektive und Standort.

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Diese Erfahrung zeigt, dass Wildlife-Fotografie nicht ausschliesslich aus Geduld besteht. Manchmal muss ein Fotograf unter unsicheren Bedingungen entscheiden, ob er eine vorhandene Aufnahmemöglichkeit beibehält oder eine andere Perspektive sucht. Die technischen Möglichkeiten setzen dabei Grenzen, aber sie bestimmen nicht allein das Ergebnis. Entscheidend bleibt die Fähigkeit, eine Situation einzuschätzen und den richtigen Moment für eine Veränderung der eigenen Position zu erkennen.

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Warum Beobachtung wichtiger sein kann als technische Ausrüstung

Naturfotografie wird häufig über technische Ausrüstung beschrieben. Brennweiten, Autofokussysteme und Serienbildgeschwindigkeit sind zweifellos relevant. Sie können jedoch nicht ersetzen, dass ein Fotograf die fotografierte Situation verstehen muss.

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Wer das Verhalten eines Tieres nicht kennt, kann einen wichtigen Moment verpassen, obwohl die Kamera technisch dazu in der Lage gewesen wäre, ihn festzuhalten. Umgekehrt kann eine genaue Beobachtung helfen, die richtige Position bereits vor dem eigentlichen Ereignis einzunehmen.

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Bei The Aftermath begann der fotografische Prozess mit ungewöhnlichen Spuren. Bei Icy Window erkannte der Fotograf anhand vorhandener Eisbärenspuren einen möglichen Ort für eine Begegnung. Bei Labour of Love entstand die Bildwirkung aus der Entscheidung, sich auf die Höhe eines kleinen Tieres zu begeben.

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Auch unsere Begegnung mit den Löwen im Okavangodelta zeigt, wie eng Vorbereitung und spontane Entscheidungen zusammenhängen. Die vorhandene Ausrüstung erlaubte uns, den Moment zunächst festzuhalten. Die anschliessende Fahrt auf die andere Flussseite eröffnete eine andere Perspektive, ohne dass wir wussten, ob sie sich noch nutzen liess.

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Diese Beispiele besitzen keine identische fotografische Methode. Gemeinsam ist ihnen jedoch, dass die entscheidende Arbeit nicht erst beim Auslösen begann. Sie begann mit der Wahrnehmung der Umgebung und der Einschätzung einer Situation.

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Die technische Fähigkeit, einen Moment festzuhalten, ist etwas anderes als die fotografische Fähigkeit, ihn vorauszusehen oder überhaupt zu erkennen.

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Fotografische Ethik beginnt vor der Aufnahme

Die Wildlife-Fotografie besitzt eine besondere ethische Dimension. Anders als bei einem inszenierten Portrait kann das Motiv nicht über die Bedingungen einer Produktion mitentscheiden. Ein wildes Tier reagiert auf seine Umgebung und auf mögliche Störungen. Die Verantwortung liegt deshalb beim Fotografen.

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Der Wildlife Photographer of the Year hat dafür verbindliche Wettbewerbsregeln festgelegt. Teilnehmende dürfen Tiere nicht verletzen, gefährden oder unnötigem Stress aussetzen. Ebenso untersagt der Wettbewerb grundsätzlich das Anlocken mit Futter, Gerüchen oder Geräuschen. Eine Ausnahme besteht bei der dokumentierten wissenschaftlichen Feldforschung unter den vorgesehenen Bedingungen.

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Auch der Einsatz von Drohnen, künstlichem Licht und Kameras in der Nähe sensibler Lebensräume wird eingeschränkt, wenn dadurch Tiere gestört oder gefährdet werden können. Diese Regeln haben unmittelbare fotografische Konsequenzen. Ein Tier sollte nicht deshalb aus seinem Verhalten gebracht werden, weil sich dadurch eine spektakulärere Aufnahme erzeugen liesse. Eine geringere Distanz ist nicht automatisch besser. Und ein Foto, das sich nur durch die Störung des Motivs realisieren lässt, besitzt nicht allein aufgrund seiner visuellen Qualität einen höheren Wert.

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Das Wohlergehen des Tieres hat Vorrang vor dem fotografischen Ergebnis.

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Manchmal bedeutet das, die Position zu verändern. Manchmal bedeutet es, länger zu warten oder eine andere Aufnahmetechnik zu wählen. Und manchmal bedeutet es, auf eine Aufnahme zu verzichten. Eine solche Entscheidung bleibt für den späteren Betrachter meist unsichtbar. Für die Integrität der fotografischen Arbeit ist sie dennoch wesentlich. Quelle: Wildlife Photographer of the Year: Wettbewerbsregeln und Ethik

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Was dokumentarische Fotografie glaubwürdig macht

Jede Fotografie ist eine Auswahl. Sie zeigt einen Ausschnitt aus einem grösseren räumlichen und zeitlichen Zusammenhang. Die Wahl dieses Ausschnitts beeinflusst, welche Informationen sichtbar werden und welche Fragen unbeantwortet bleiben.

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In der Wildlife-Fotografie wird diese Begrenzung besonders deutlich. Ein einzelnes Bild kann eine ungewöhnliche Handlung dokumentieren. Es erklärt jedoch nicht automatisch deren Ursache oder Bedeutung. Gleichzeitig ist dokumentarische Fotografie keine rein mechanische Wiedergabe der Wirklichkeit. Sie besitzt immer eine gestalterische Perspektive.

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Escape Artistry: Wie Bewegung eine neue Bildwirklichkeit erzeugt

Ein besonders interessantes Beispiel ist Escape Artistry von Michał Michalski. Die Aufnahme gewann 2026 die Kategorie Natural Artistry. Sie entstand in Polen, in der Nähe von Miłochowice.

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Michalski beobachtete Vögel in einem Feld mit nicht geernteten Sonnenblumen. Als ein Sperber auftauchte, flogen die Tiere auf. Im Hintergrund standen kahle Birken. Der Fotograf verwendete eine vergleichsweise lange Belichtungszeit von 1/30 Sekunde bei Blende f/8 und ISO 250.

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Dadurch wurden die Bewegungen der Vögel während der Aufnahme verwischt. Im fertigen Bild entsteht der Eindruck, als würden die kahlen Bäume noch herbstliches Laub tragen. Eine tatsächlich beobachtete Bewegung erzeugt also eine Bildwirkung, die über das unmittelbare menschliche Sehen hinausgeht.

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Das ist fotografisch bemerkenswert. Die Aufnahme zeigt eine reale Situation. Gleichzeitig gibt sie diese nicht so wieder, wie wir sie mit unseren Augen in einem einzigen kurzen Augenblick wahrnehmen würden. Die Kamera integriert die Bewegung über die Dauer der Belichtung. Aus vielen kleinen Positionsveränderungen entsteht eine zusammenhängende visuelle Form.

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Der Fotograf nutzt damit eine grundlegende Eigenschaft seines Mediums. Eine Fotografie muss nicht zwingend einen Moment einfrieren. Sie kann auch sichtbar machen, wie sich eine Situation während eines bestimmten Zeitraums verändert. Quelle: Escape Artistry: Michał Michalski, Natural History Museum

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Eine fotografische Interpretation muss nicht unwahr sein

Escape Artistry zeigt, weshalb die Begriffe Realität und fotografische Wahrheit differenziert betrachtet werden sollten. Die Vögel waren tatsächlich vorhanden. Auch die Bewegung fand statt, und der Hintergrund bestand aus realen Birken. Trotzdem entsteht durch die Belichtungszeit eine visuelle Erscheinung, die das menschliche Auge so nicht ohne Weiteres wahrnehmen würde.

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Das Bild ist deshalb nicht automatisch eine Täuschung. Es ist eine gestalterische Interpretation einer tatsächlichen Situation. Eine ähnliche Frage stellt sich bei The Meeting Place von James Lewin.

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Die Aufnahme gewann 2026 die Kategorie Animals in their Environment. Sie zeigt einen jungen Elefanten, der eine Gruppe Zebras an einem Wasserloch in den Chyulu Hills in Kenia mit Wasser bespritzt.

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Der Fotograf arbeitete unter schwierigen, harten Lichtbedingungen. Statt diese Bedingungen mit konventioneller Farbfotografie abzubilden, verwendete er eine für Infrarotfotografie umgebaute Kamera. Dadurch entstand eine stark veränderte tonale Darstellung der Landschaft. Die Aufnahme wirkt teilweise entrückt und ungewöhnlich. Trotzdem zeigt sie eine tatsächlich beobachtete Situation. Quelle: The Meeting Place: James Lewin, Natural History Museum

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Beide Bilder verdeutlichen, dass fotografische Authentizität nicht zwangsläufig bedeutet, die Welt so darzustellen, wie sie bei neutralem Tageslicht erscheinen würde. Ein längerer Belichtungszeitraum oder die Nutzung anderer Wellenlängen kann Eigenschaften sichtbar machen, die wir normalerweise nicht in dieser Form sehen.

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Entscheidend ist, dass die gestalterische Methode nachvollziehbar bleibt und die dargestellte Situation nicht falsch beschrieben wird.

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Wo die Bildbearbeitung ihre Grenzen findet

Fotografie war nie vollständig frei von Bearbeitung. Schon in der analogen Dunkelkammer konnten Helligkeiten verändert, Kontraste angepasst und einzelne Bildbereiche gezielt beeinflusst werden. In der digitalen Fotografie sind diese Möglichkeiten wesentlich umfangreicher geworden.

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Für dokumentarische Wettbewerbe stellt sich deshalb die Frage, welche Eingriffe eine Aufnahme zulässt, ohne ihren Bezug zur beobachteten Wirklichkeit zu verlieren.

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Die Regeln des Wildlife Photographer of the Year erlauben unter bestimmten Voraussetzungen klassische fotografische Anpassungen. Dazu gehören unter anderem Veränderungen von Tonwerten, Kontrast, Bildausschnitt und Schärfung. Auch bestimmte Verfahren zur Kombination mehrerer Belichtungen können zugelassen sein, wenn sie den festgelegten Bedingungen entsprechen.

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Nicht erlaubt sind dagegen Eingriffe, die neue Bildinhalte hinzufügen oder wesentliche Bestandteile der dargestellten Situation entfernen beziehungsweise verändern. Dazu zählen beispielsweise das Verschieben von Tieren, künstliche Bildkompositionen und KI-generierte Bildinhalte. Die Jury kann zur Überprüfung der Authentizität unveränderte Originaldateien verlangen.

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Damit wird eine wichtige Unterscheidung deutlich. Nicht jede Bearbeitung verändert die dokumentarische Aussage eines Bildes. Eine Anpassung der Helligkeit kann eine vorhandene Information besser sichtbar machen. Wird dagegen ein störendes Tier entfernt oder ein weiteres Tier hinzugefügt, entsteht eine andere Darstellung des Geschehens.

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Die Grenze lässt sich deshalb nicht allein daran festmachen, wie intensiv eine Fotografie bearbeitet wurde. Entscheidend ist, ob durch die Bearbeitung eine Situation behauptet wird, die in dieser Form nicht stattgefunden hat.

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Was ein einzelnes Bild tatsächlich beweisen kann

Fotografien besitzen eine besondere Überzeugungskraft. Wenn wir etwas auf einem Bild sehen, neigen wir dazu, es als unmittelbare Information zu betrachten. Doch eine Aufnahme dokumentiert zunächst nur einen begrenzten Ausschnitt. Sie kann zeigen, dass sich ein Tier in einer bestimmten Situation befand, oder eine Bewegung, eine Begegnung beziehungsweise einen sichtbaren Zustand festhalten. Die Ursachen und Folgen dieser Situation bleiben möglicherweise offen.

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Bei The Aftermath sehen wir das Verhalten eines Elefanten gegenüber einem verstorbenen Kalb. Das Bild allein liefert jedoch keine vollständige Erklärung der emotionalen oder biologischen Bedeutung. Bei Labour of Love sehen wir einen Mistkäfer bei einer konkreten Tätigkeit. Die ökologische Funktion dieser Tiergruppe erschliesst sich erst durch zusätzliches Wissen. Und bei Icy Window erfahren wir durch die Bildbeschreibung, welche Vorbereitung notwendig war, um die ungewöhnliche Perspektive zu ermöglichen.

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Diese Beispiele zeigen, weshalb fotografische Bildlegenden mehr leisten können als die einfache Benennung des Motivs. Sie können Beobachtungen einordnen, technische Entscheidungen erklären und die Grenzen einer Interpretation sichtbar machen.

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Für die Bildanalyse eignet sich ein einfaches redaktionelles Modell: Ort, Handlung und Konsequenz.

Ort: Welche Informationen liefert die Umgebung? Was erfahren wir über den Lebensraum und die räumlichen Beziehungen?

Handlung: Was ist tatsächlich zu sehen? Welche Bewegung, Interaktion oder Veränderung wurde dokumentiert?

Konsequenz: Welche Bedeutung lässt sich aus der sichtbaren Situation und ergänzenden Informationen nachvollziehbar ableiten? Und wo beginnt eine Interpretation, die über das Bild hinausgeht?

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Dieses Modell ist keine wissenschaftliche Methode. Es kann jedoch helfen, eine Fotografie präziser zu betrachten und vorschnelle Schlussfolgerungen zu vermeiden.

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Was andere fotografische Disziplinen daraus lernen können

Die Prinzipien guter Wildlife-Fotografie lassen sich nicht unmittelbar auf andere fotografische Aufgaben übertragen. Ein wildes Tier, dessen Verhalten beobachtet wird, stellt andere Anforderungen als eine geplante Portraitproduktion oder eine dokumentarische Unternehmensreportage.

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Dennoch gibt es gemeinsame fotografische Fragen. Welche Informationen liefert der Ort? Welche Handlung trägt die Bildaussage? Und wie stark verändert die Entscheidung des Fotografen die Wahrnehmung der dargestellten Situation?

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In einer Unternehmensreportage kann beispielsweise eine reale Tätigkeit dokumentiert werden, statt lediglich eine allgemeine Vorstellung von Zusammenarbeit zu inszenieren. Ein Portrait kann den tatsächlichen räumlichen Kontext einer Person einbeziehen, wenn dieser für das Verständnis ihrer Arbeit relevant ist. Eine fotografische Serie kann unterschiedliche Perspektiven miteinander verbinden, ohne aus jeder einzelnen Aufnahme eine vollständige Geschichte machen zu müssen.

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Dabei bleibt die Grenze zwischen dokumentierter Realität und bewusst gestalteter Darstellung wichtig. Ein arrangiertes Portrait darf inszeniert sein. Eine dokumentarische Aufnahme sollte dagegen nicht als unbeobachteter Moment ausgegeben werden, wenn die Handlung eigens für die Kamera geschaffen wurde.

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Die Verbindung zur Wildlife-Fotografie liegt damit weniger in einer bestimmten Ästhetik als in der fotografischen Haltung. Beobachten, bevor entschieden wird. Verstehen, bevor eine Aussage formuliert wird. Und anerkennen, dass eine Fotografie nicht mehr behaupten sollte, als ihr sichtbarer Inhalt und der dokumentierte Zusammenhang tatsächlich tragen.

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Die Stärke dokumentarischer Fotografie liegt nicht darin, jede Frage zu beantworten. Sie liegt auch darin, genau zu zeigen, welche Fragen ein Bild offenlässt.

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Häufig gestellte Fragen zum Wildlife Photographer of the Year 2026

Wer hat den Wildlife Photographer of the Year 2026 gewonnen?

Der italienische Fotograf Federico Veronesi gewann den Gesamttitel mit The Aftermath. Die Schwarzweissaufnahme zeigt einen weiblichen Elefanten, der im Huab River Valley in Namibia ein verstorbenes Kalb trägt. Der Nachwuchs-Gesamttitel ging an Oscar Whitfield für Labour of Love, eine Aufnahme eines Mistkäfers in Simbabwe. Beide Gesamtsiegerbilder wurden in Schwarzweiss ausgezeichnet.

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Was macht eine aussergewöhnliche Wildlife-Fotografie aus?

Eine aussergewöhnliche Naturfotografie verbindet Beobachtung, eine nachvollziehbare fotografische Gestaltung und eine interessante Aussage über das Motiv. Entscheidend ist nicht allein die Seltenheit eines Tieres. Auch Perspektive, Licht, Aufnahmezeitpunkt und die Darstellung des natürlichen Verhaltens können einem Bild seine Bedeutung geben. Bei dokumentarischen Wettbewerben spielen zudem fotografische Ethik und Authentizität eine wichtige Rolle.

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Welche Kameraeinstellungen wurden bei den Gewinnerbildern verwendet?

Federico Veronesi fotografierte The Aftermath mit einer Nikon Z8 und einem 400-mm-f/2.8-Objektiv bei 1/1000 Sekunde, Blende f/2.8 und ISO 72. Oscar Whitfield verwendete für Labour of Love eine Canon EOS R6 Mark II mit einem Sigma 150–600-mm-Objektiv bei 1/1250 Sekunde, Blende f/6.3 und ISO 3200. Die unterschiedlichen Einstellungen zeigen, wie stark sich fotografische Anforderungen je nach Motiv, Bewegung und Lichtverhältnissen unterscheiden können.

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Dürfen Tiere für Wildlife-Fotografien angelockt werden?

Beim Wildlife Photographer of the Year ist das Anlocken von Tieren mit Futter, Geräuschen oder Gerüchen grundsätzlich untersagt. Auch andere Formen der gezielten Beeinflussung natürlicher Verhaltensweisen sind nicht zugelassen. Eine ausdrücklich geregelte Ausnahme betrifft die Dokumentation wissenschaftlicher Feldforschung. Die konkreten Bedingungen hängen vom jeweiligen Wettbewerb und den geltenden lokalen Vorschriften ab.

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Wie viel Bildbearbeitung ist in der Wildlife-Fotografie erlaubt?

Das hängt von den Regeln des jeweiligen Wettbewerbs oder Veröffentlichungsmediums ab. Beim Wildlife Photographer of the Year sind bestimmte Tonwert-, Kontrast- und Schärfeanpassungen erlaubt. Das Hinzufügen, Entfernen oder Verschieben wesentlicher Bildbestandteile ist dagegen untersagt. Auch KI-generierte Inhalte sind nicht zugelassen. Bei Bedarf müssen Fotografen unveränderte Originaldateien vorlegen, um die Authentizität ihrer Aufnahme nachzuweisen.

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Warum sind Schwarzweissbilder in der Wildlife-Fotografie interessant?

Schwarzweissfotografie reduziert die Farbinformation und lenkt die Aufmerksamkeit stärker auf Helligkeitsverhältnisse, Konturen, Oberflächen und Bildkomposition. Das kann bei bestimmten Motiven die Wirkung von Bewegung oder Verhalten unterstützen. Schwarzweiss ist jedoch nicht automatisch authentischer als Farbfotografie. Es bleibt eine bewusste gestalterische Entscheidung, deren Nutzen vom jeweiligen Motiv abhängt.

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Weiterführende Quellen

Natural History Museum: Wildlife Photographer of the Year 2026

Offizielle Bekanntgabe der Wettbewerbsergebnisse vom 13. Oktober 2026 mit Informationen zu den Gesamtsiegern, Wettbewerbskategorien und ausgezeichneten Fotografien.

Wildlife Photographer of the Year 2026: Gewinner

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Federico Veronesi: The Aftermath

Originale Bildbeschreibung mit Angaben zur Entstehungsgeschichte, fotografischen Ausrüstung, Kameraeinstellungen und zum Aufnahmeort in Namibia.

The Aftermath: Natural History Museum

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Oscar Whitfield: Labour of Love

Originale Bildbeschreibung mit dokumentierten Kameraeinstellungen und Informationen zur fotografischen Darstellung des Mistkäfers.

Labour of Love: Natural History Museum

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Audun Rikardsen: Icy Window

Dokumentation einer ferngesteuerten Unterwasseraufnahme, die einen Eisbären aus der Perspektive eines Atemlochs im arktischen Meereis zeigt.

Icy Window: Natural History Museum

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Michał Michalski: Escape Artistry

Fotografie eines aufsteigenden Vogelschwarms, dessen Bewegung durch eine lange Belichtungszeit zu einer ungewöhnlichen Bildwirkung führt.

Escape Artistry: Natural History Museum

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James Lewin: The Meeting Place

Dokumentation einer mit einer infrarotmodifizierten Kamera aufgenommenen Szene an einem Wasserloch in Kenia.

The Meeting Place: Natural History Museum

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Natural History Museum: Wettbewerbsregeln und fotografische Ethik

Offizielle Bestimmungen zu Tierschutz, Eingriffen in die Natur, zulässiger Bildbearbeitung und Überprüfung der Authentizität eingereichter Fotografien.

Wildlife Photographer of the Year: Competition Rules

Die Kunst, genau hinzusehen

Die ausgezeichneten Fotografien des Wildlife Photographer of the Year 2026 zeigen sehr unterschiedliche Zugänge zur Natur. Eine Aufnahme entsteht aus Spuren im Sand. Eine andere aus der Entscheidung, sich auf Augenhöhe eines kleinen Tieres zu begeben. Wieder eine andere benötigt eine ferngesteuerte Kamera unter arktischem Eis.

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Auch die Begegnung mit dem Löwenrudel im Okavangodelta verdeutlicht, dass aussergewöhnliche Fotografien nicht immer allein durch Warten entstehen. Manchmal ist es notwendig, die eigene Position zu hinterfragen und eine Entscheidung zu treffen, obwohl das Ergebnis ungewiss bleibt.

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Die Gemeinsamkeit dieser Erfahrungen liegt nicht in einer bestimmten Brennweite, einem fotografischen Stil oder einer bevorzugten Aufnahmetechnik. Sie liegt in der Aufmerksamkeit für die jeweilige Situation.

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Fotografie beginnt mit dem Sehen. Doch ein Bild wird nicht allein dadurch bedeutungsvoll, dass es etwas Seltenes zeigt. Es muss auch eine bewusste Entscheidung darüber getroffen werden, was innerhalb des sichtbaren Ausschnitts wichtig ist und welche Informationen notwendig bleiben, um das Motiv zu verstehen.

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LAD.studio beschäftigt sich mit Fotografie als Form der Beobachtung und visuellen Interpretation. Ob dokumentarische Reportage, Naturfotografie oder eine konzipierte Bildproduktion: Im Mittelpunkt steht das Verhältnis zwischen dem tatsächlichen Geschehen und seiner fotografischen Darstellung.

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